Niemand konnte später sagen, wann genau das Boot rund geworden war.
Am Anfang hatte es einen Bug gehabt, da waren sich alle sicher. Es gab eine Zeit, in der man wusste, wo vorne war. Man hatte ein Ufer im Blick gehabt, eine Anlegestelle, ein Ziel. Aber irgendwann – vielleicht als der Fluss breiter wurde, vielleicht als die alten Karten nicht mehr stimmten – hatte das Boot seine Form verändert.
Ganz still. Ohne Werft, ohne Beschluss. Der Bug war weicher geworden, das Heck runder, und eines Morgens saß die Mannschaft in einem Kreis aus Planken, und jedes Paddel zeigte in eine andere Richtung.
Das Merkwürdige war: Es fühlte sich niemand unwohl dabei. Im Gegenteil.
Mara paddelte nach Osten, weil dort die interessanten Strömungen waren. Sie hatte ein Gespür für Wasser, das andere nicht hatten, und sie zog Erkenntnisse aus jedem Wirbel. Ihre Notizen füllten inzwischen drei wasserdichte Kisten. Gute Notizen. Niemand las sie.
Jonas paddelte nach Westen, weil ihn jemand vom Nachbarboot gefragt hatte, ob er nicht kurz helfen könne. Das war vor einem Jahr gewesen. Inzwischen half er drei Nachbarbooten, und wenn man ihn fragte, was eigentlich seine Aufgabe an Bord sei, lachte er und sagte: „Alles, was reinkommt." Und es kam viel rein.
Das war das Zweite, was niemand bemerkt hatte: Das runde Boot hatte keinen Bug mehr, an dem die Wellen abprallten. Alles, was der Fluss heranspülte – Treibholz, Fragen, Anfragen, Aufträge, halbfertige Netze anderer Boote – schwappte über den niedrigen Rand und blieb liegen. Am Anfang hatte man die Dinge noch sortiert. Dann hatte man sie gestapelt. Inzwischen stieg man einfach darüber hinweg.
„Wir müssten mal ausmisten", sagte Lea manchmal. Lea sagte solche Sätze oft. Sie waren wie Steine, die man ins Wasser wirft: ein kurzes Platschen, ein paar Ringe, dann glatte Fläche.
Denn wer hätte entscheiden sollen, was über Bord geht? Es gab niemanden, der vorne stand. Es gab niemanden, der sagte: Das gehört zu uns, das nicht. Also gehörte am Ende alles zu ihnen – und damit nichts. Wenn Fremde fragten, was für ein Boot das eigentlich sei – ein Fischerboot? Ein Fährboot? Ein Forschungsboot? – dann schauten sich die Paddler an, und jeder gab eine andere Antwort. Alle Antworten waren richtig. Das war das Schlimmste daran.
Dabei arbeitete niemand wenig. Das muss man verstehen, um diese Geschichte zu verstehen: In diesem Boot saß kein einziger Faulpelz. Sie ruderten alle. Sie ruderten wie blöd. Die Arme schmerzten, die Hände hatten Schwielen, abends fiel man erschöpft zwischen die Kisten und Stapel und schlief den Schlaf der Rechtschaffenen. Jeder Einzelne konnte am Ende des Tages sagen: Ich habe alles gegeben. Und jeder Einzelne hatte recht.
Nur das Boot – das Boot drehte sich.
Es drehte sich langsam, majestätisch fast, wie ein Blatt auf einem Teich. Marias Osten hob Jonas' Westen auf. Leas Vorstöße verpufften gegen die Kraft der anderen. Die Summe von allem Engagement war eine sanfte Rotation, und die einzige Richtung, die das Boot wirklich nahm, war die des Flusses. Die Strömung führte. Die Strömung war der einzige Kapitän, den dieses Boot noch hatte – und die Strömung hatte keinen Plan für sie. Strömungen haben nie einen Plan. Sie fließen einfach dorthin, wo es abwärts geht.
Die unangenehmen Aufgaben – das Flicken der Leckstellen, das Zählen der Vorräte, das ehrliche Gespräch darüber, wohin man eigentlich wollte – die blieben liegen. Nicht aus Böswilligkeit. Sondern weil jeder frei wählen durfte, und niemand wählt freiwillig das Unangenehme, wenn nebenan eine interessante Strömung lockt. Die Lecks wurden zu Pfützen, die Pfützen zu Gewohnheit. Man stellte die Kisten auf Steine.
Eines Abends hörte Samuel auf zu paddeln.
Er legte das Paddel quer über die Knie und schaute zu, wie sich das Ufer drehte. Erst das linke Ufer, dann das rechte, dann wieder das linke. Er rechnete nach: Er paddelte seit vier Jahren in diesem Boot. Er hatte in dieser Zeit mehr Schläge gemacht als jeder andere, das wusste er, und er war stolz darauf gewesen. Aber als er jetzt das Ufer betrachtete, erkannte er die Bäume wieder. Es waren dieselben Bäume wie vor einem Jahr. Der Fluss hatte sie ein Stück getragen, ja. Aber alles, was er getan hatte, all die Tausende von Schlägen – sie hatten das Boot nur gedreht.
„Ich verstehe den Sinn nicht mehr", sagte Samuel in die Runde.
Die anderen paddelten weiter. Nicht aus Kälte – sie hörten ihn durchaus. Aber niemand war zuständig für diesen Satz. Es gab keine Stelle im Boot, an der solche Sätze ankamen. Also sank er zwischen die Kisten wie alles andere auch.
Zwei Tage später, an einer flachen Stelle, stieg Samuel aus. Er nahm nicht viel mit. Er watete ans Ufer, drehte sich noch einmal um und sah das Boot an, wie man ein Haus ansieht, in dem man lange gewohnt hat: mit Zärtlichkeit und Erleichterung zugleich.
Vom Ufer aus sah er zum ersten Mal, was man von innen nie sehen konnte: wie rund es wirklich war. Wie schön es sich drehte. Wie fleißig die Paddel ins Wasser stachen, alle gleichzeitig, alle kraftvoll, alle in verschiedene Richtungen. Von außen sah es fast aus wie ein Tanz.
Und wie die Strömung das Ganze sanft und gleichgültig flussabwärts trug.
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